Der Weg zum zweiten Titel - Ein Saisonrückblick

Die Vorbereitung

Es begann vor knapp einem Jahr - der Abstieg war gerade verdaut, als eine ambitionierte Wechselanfrage an das Binder Eigengewächs Richard Albrecht herangetragen wurde. Auch wenn sein Herz sehr stark an seinem Jugendverein hing und noch heute hängt, war die Verlockung zu groß, in der Bundesliga nicht nur um den Klassenerhalt und eine gute Platzierung in der Einzelwertung, sondern um Medaillen und sogar den Siegerpokal zu kämpfen. Und so gelang es nach langer Bedenkzeit, den mittlerweile zu einem Spitzenkegler gereiften 28-Jährigen nach Fehrbellin zu lotsen. Ein Transfer, der sich auszahlen sollte. 

 

In einem freundschaftlichen Test auf Einladung der SG Kirchhain - vielen Dank noch mal dafür - konnten wir uns auf einer tollen Bahnanlage bereits für die Saison eingrooven. Wir gewannen mit Unterstützung von Ex-90er Nico Witter, der mittlerweile Kapitän bei Aufsteiger SpG Eberswalde ist, gegen das ambitionierte Heimteam, dass am Saisonende nach tollen Leistungen um Haaresbreite den Aufstieg in die 2. Bundesliga verpassen sollte.

 

Die Hinrunde

Zu Saisonbeginn musste das 8-köpfige 90er Team in Kiel bestehen. Mit der Ausbeute von vier Zählern konnten wir mehr als zufrieden sein, auch wenn bei Kiel I sogar der Sieg möglich war. Ein erster Paukenschlag, da die Ellerbeker auch in diesem Jahr zu den Titelaspiranten gezählt werden konnten. Auffällig war, dass an beiden Tagen je fünf Fehrbelliner auf Topniveau spielten - ein Trumpf, der die Jungs nahezu überall in die Nähe eines Dreiers bringen sollte. Der Hauptkonkurrent war jedoch der Titelträger der letzten drei Jahre - Union Oberschöneweide. Und die Köpenicker übernahmen nach Heimsiegen über Hertha BSC und den Spandauer SV auch gleich mal die Tabellenspitze.

 

Nachdem mit Oldenburg ein erstes hoch gehandeltes Team die Rhinstadt mit langen Gesichtern verlassen musste, wurde auch mit Aufsteiger Husum kurzer Prozess gemacht. Union konnte die personellen Ausfälle der Konkurrenten schonungslos ausnutzen und sorgte mit Auswärtssiegen in Pinneberg und Hannover für einen ersten Dämpfer - ging ja schon wieder so los, wie es letzte Saison aufgehört hat... Union lag mit 12 Punkten auf Platz 1, wir folgten mit 10 Punkten auf dem Silberrang.

 

Zwei Wochen später konnten wir es den Berlinern nicht nachmachen und erreichten bei nun wieder in Bestbesetzung spielenden Pinnebergern und Hannoveranern jeweils einen Zähler - zumindest in Hannover mit besserem Ergebnis im Vergleich zu Union. C'est la vie. Wir waren zufrieden mit den Ergebnissen und waren weiterhin guter Dinge. Union blieb zu Hause, wie über die gesamte Saison, auch gegen Kiel I und II punktverlustfrei. So stand der Titelverteidiger nach sechs Spielen mit einer makellosen Bilanz (18 Punkte) auf Platz 1 - wir standen bei 12 Zählern.

 

Im ersten direkten Aufeinandertreffen ließen wir mal die Muskeln spielen und schickten Union am 7. Spieltag mit 3:0 und 53:25 EWP nach Hause. Davon unbeeindruckt starteten die Berliner am Folgetag in Seedorf gleich die nächste Siegesserie. Wir hatten mit Eberswalde erstaunlich wenig Mühe und holten ein weiteres klares 3:0. Union hatte nun schon 21 Punkte, wir drei weniger.

 

Es folgten zwei noch deutlichere Heimsiege gegen Hertha BSC und Spandau an den Spieltagen 9 und 10, welche uns auf Grund des Spielplans die erste Tabellenführung (24 Zähler) einbrachte. Union trat auswärts in Oldenburg und Husum an und scheiterte in beiden Spielen mit je 31 EWP um Haaresbreite am Zusatzpunkt (somit weiter bei 21 Pkt.). Dass Fortuna in diesem Leben noch mal auf unserer Seite ist, hätten wir kaum noch für möglich gehalten. 

 

Am darauffolgenden Wechselwochenende gelangen uns binnen 24 Stunden zwei Siege im großen Brandenburgderby gegen die Seedorfer. Das war gleichbedeutend mit der "Weihnachtsmeisterschaft" (30 Pkt.). Union kam überraschend bei Aufsteiger Eberswalde nicht über ein 1:2 hinaus, da die Schlussachse der Barnimer starke Nerven bewies und das Spiel noch drehte. Im Heimspiel ließ Union Eberswalde jedoch keine Chance. Die Kieler lagen mit 28 Punkten zwischenzeitlich vor Union (25), hatten aber wie wir bereits zwei Heimspiele mehr absolviert. Tja, zum Jahreswechsel waren wir schon oft vorn, aber die Ente wird bekanntlich hinten fett.

 

Die heiße Phase

Zu Beginn des neuen Jahres waren wir zwei Mal in Berlin zu Gast. Bei Hertha konnten wir ein enges Spiel, in dem wir nicht unsere beste Leistung abrufen konnten, etwas glücklich für uns entscheiden. Der Sieg bei ersatzgeschwächten Spandauern war hingegen Formsache, die dafür erhaltenen Punkte jedoch nicht minder wichtig. Man kann schon sagen, dass dieses Wochenende das Momentum in unsere Richtung gekippt hat. Union gewann zwar auch die Heimpartie gegen Oldenburg souverän, Husum war witterungsbedingt gar nicht erst angetreten, der 5-Punkte-Abstand blieb jedoch bei jetzt bereinigter Tabelle bestehen (Fehrbellin 36, Union und Kiel je 31 Pkt.). Und die EWP schlugen deutlich in unsere Richtung aus.

 

Spieltag 15 brachte erneut ein Highlight, denn wir nahmen die durch Oldenburg verteilten Gastgeschenke gern an und gewannen auch dieses Auswärtsspiel 3:0 - bereits der 9. Dreier in Serie. Leider gab es bei Aufsteiger Husum einen kleinen Dämpfer, denn wir unterlagen wie Union mit 0:3. Doch am Ende stand, dass wir im direkten Vergleich 3 Punkte mehr holten, als Union vor einigen Wochen. Die Berliner konnten den Rückstand mit Heimsiegen gegen Pinneberg und Hannover auf zwei Zähler verkürzen (39:37). Kiel verabschiedete sich mit einem Punktverlust gegen Hertha BSC vor heimischer Kulisse allmählich aus dem Titelrennen (36 Pkt.). ... wir hatten es also in der eigenen Hand, den Vorsprung bei vier verbleibenden Heimspielen und zwei Auswärtsduellen zu verteidigen, zumal Union nur noch zwei Mal Heimrecht hatte, einmal davon gegen uns.

 

Entscheidung vertagt

Unsere Heimspiele gegen die beiden Kieler Teams gingen klar an uns. Doch Union gewann den Thriller bei Hertha BSC mit zwei Holz und in Spandau noch klarer, als wir zu Jahresbeginn. Somit blieb der Vorsprung konstant (45:43 Pkt.) und auch bei den Einzelwertungspunkten wurde es wieder knapper. Kiel I ließ mit einem Punkt aus den beiden Partien in Fehrbellin und Seedorf endgültig abreißen (37 Pkt.).

 

Die Vorentscheidung

Pinneberg und Hannover stellten uns in den letzten beiden Heimspielen (19./20. Spieltag) nicht vor besonders große Herausforderungen und so wanderten weitere sechs Zähler auf unser Konto. Union hingegen wollte uns die vier Punkte in Kiel nachmachen, um uns unter Druck zu setzen. Am Samstag lief es mit dem Zusatzpunkt im ETV-Heim nach Plan, doch die bereits fast abgestiegenen Haudegen von der zweiten Kieler Mannschaft stemmten sich gegen den drohenden Abstieg und entschieden den nächsten Krimi auf der Zielgeraden für sich. Am Ende wurden sie sogar mit dem kaum für möglich gehaltenen Klassenerhalt belohnt. Union hingegen musste zusehen, wie unser Vorsprung auf 51:45 Punkte anstieg. Wir waren also weniger als einen Punkt vom Titelgewinn entfernt (48 EWP am letzten Wochenende hätten uns gereicht).

 

Die Krönung

Ein großer Tross mitgereister Fehrbelliner Schlachtenbummler sorgte für einen würdigen Rahmen dieses entscheidenden vorletzten Spieles. Und lange lagen wir in Eberswalde sogar auf Siegeskurs, ehe die erneut stark aufspielende Schlussachse die Partie noch drehte. Da wir den Zusatzpunkt und damit den Titel einfahren konnten, wurde diese zur schönsten Niederlage der Vereinsgeschichte. Wir hatten es geschafft, zum zweiten Mal wurde der Meistertitel in der Bundesliga in die Rhinstadt geholt. Was für ein Abend. Auch wenn wir das Ziel Punktgewinn am Sonntag in der Hämmerlingstraße doch recht klar verfehlten, tat das unserer Stimmung keinen Abbruch. Am frühen Abend brachen in der Fehrbelliner Kegelhalle alle Dämme. Diese Meisterschaft wurde gefeiert, wie kein anderer Titel zuvor. Alle waren sich einig: das wollen wir im kommenden Jahr wiederholen.

 

Die Protagonisten

Dirk Sperling - Allen voran zeigte Dirk mal wieder seine Extraklasse. 19 Mal konnte er zweistellig punkten, sieben Mal war er Tagesbester, dreimal davon auswärts. Mit einem verpassten Heimspiel wurde Dirk zweiter der Einzelwertung mit nur 4,5 Punkten Rückstand. Ein absoluter Leistungsgarant. 

Jonathan Jaeger - Als Mister Startachse absolvierte er jedes Spiel über volle 120 Würfe, holte dabei drei Mal den Tagesbestwert - persönlicher Rekord. Auch was die EWP angeht konnte er eine neue persönliche Bestmarke setzen. 186 EWP bedeuten einen Platz in den Top Ten.

Benjamin Münchow - Unser Kapitän sorgte mit vielen guten Auftritten ein ums andere Mal für das gewisse Extra, stellte mit ebenfalls drei Tagesbestwerten seinen persönlichen Rekord aus 2011/ 2012 ein und sammelte 156 EWP (Rang 23). Benny hat wohl den größten Leistungssprung hingelegt.

Sebastian Krause - Mit 402 Partien ist Seppi der 90er Rekord-Bundesligaspieler. Auch wenn er seine besten Leistungen vor allem beim Ländervergleich und beim Nationencup abrufen konnte, gehört er auch in der Bundesliga noch immer zu den Leistungsträgern. Mit 155,5 EWP in 20 Spielen belegt er einen guten 25. Platz in der Einzelwertung.

Richard Albrecht - Der Königstransfer konnte mit 151,5 EWP nicht an sein hervorragendes Prämierenjahr anknüpfen, was viele Gründe hat: Neue Heimbahn, stärkerer Kader und andere Drucksituationen. Richard hat sich dennoch im Stammsechser etabliert, absolvierte alle Spiele und konnte fast immer überzeugen. Am Ende ein guter 26. Platz in der Einzelwertung.

Oliver Angerstein - Olli kam 12 Mal zum Einsatz und holte dabei 68,5 Punkte (5,7 im Schnitt). Er wusste oft zu überzeugen. In den meisten Bundesligakadern wäre Olli unangefochtener Stammspieler. Platz 66 in der Einzelwertung verzerrt etwas die wahre Leistung. Sein Wert in puncto Stimmung und Motivation lässt sich aber ohnehin nicht messen.

Daniel Neumann - Immer wieder durch gesundheitliche Probleme zurückgeworfen kam er diverse Male wieder zurück. In 15 Spielen - oft als Einwechsler - holte Daniel 65,5 EWP, Platz 69. Zugegeben, es waren schon bessere Jahre dabei, aber in den entscheidenden Momenten war auch Daniel immer wieder da.

Dietmar Stoof - Der Routinier ist auch abseits der Kegelbahn stark gefordert, was in dieser Saison nur 4 Einsätze zuließ. Wenn er da war, dann stehts mit Leidenschaft. Sein gelungenes Spiel zum Abschluss in Eberswalde wird ihm Auftrieb geben.

Ralf Friedrich - Eigentlich fester Bestandteil der zweiten Mannschaft musste Spencer einmal im Oberhaus ran. Gegen Pinneberg zeigte er einen couragierten Auftritt und belohnte sich mit 6 EWP und konnte fünf gegnerische Spieler hinter sich lassen. Auch Spencer hat sich seine Goldmedaille redlich verdient.

Peter Wolski - Er ist nicht nur Sektionsleiter, Peter ist die Seele der Kegelabteilung. Er leitet nicht nur die Geschicke des Bundesligateams sondern managt auch alle anderen administrativen Dinge im Club.

Bernd Graf - Alle elf Heimspielen leitete Barney als Schiedsrichter souverän und unauffällig. Er ist aktuell der einzige einsatzfähige Schiri. Jeder Club muss mindestens einen Referee stellen. 

Heidrun Flemming - Heidi steht stellvertretend für das gesamte Küchenteam, das zu allen Heimspielen als erstes die Halle betritt, für das leibliche Wohl und die Sauberkeit sorgt und die Halle als letztes verlässt. Ihr seid Spitze!

Sabine Wolski - Ohne Mampf kein Kampf. Fast an jedem Heimwochenende sorgt Sabine für die Verpflegung am Samstagabend, ohne die der Akku für das Sonntagsspiel nicht zu 100 % aufgeladen werden kann. Immer wieder lecker. Danke!

Die Fans - Ob von weit her angereist, aus der unmittelbaren Nachbarschaft mal eben reingeschaut oder aus der Ferne die Daumen gedrückt. Ohne eure großartige Unterstützung hätten wir sicher den einen oder anderen Punkt weniger errungen. Vielen Dank für die zahlreichen Glückwünsche. Der Titel gehört auch euch!!!

Die Sponsoren - Last but not least... Ohne euer Engagement wäre das alles so nicht möglich und der eine oder andere Spieler vielleicht nicht in Fehrbellin. Vielen Dank!

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Do, 26. März 2026

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